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Leonard von Kleist: Logistik auf Amazon-Niveau

Leonard von Kleist, Co-Gründer und CTO von Hive, erklärt in unserem Interview wie Logistik in  E-Commerce Unternehmen funktioniert.

Was ist Hive und was genau macht ihr?

Wir machen Logistik für E-Commerce-Unternehmen einfacher und besser. Im Endeffekt wollen wir allen E-Commerce-Unternehmen, die nicht auf Amazon verkaufen, Logistik auf Amazon-Niveau anbieten.  Das erfordert, dass wir die gesamte Wertschöpfungskette End-to-End abdecken können. Unter anderem: Die E-Commerce-Unternehmen können über uns Fracht buchen, um ihr Inventar aus der Fabrik (oftmals in Asien) nach Europa zu befördern. Wir betreiben Lagerhäuser in Berlin und Paris und bald auch in Milan und weiteren europäischen Städten, die an die Onlineshops unserer Kunden angebunden sind und von dort Aufträge für Bestellungen empfangen und diese verschicken. Wir bestimmen automatisch für unsere Kunden, wieviel Inventar in welchem Land gelagert werden soll, um Lieferzeiten und Lieferkosten zu minimieren. Wir bieten ein Onlineportal an, über das Endkunden den Lieferstatus ihrer Bestellung verfolgen und Retouren-Labels drucken können. 

Was macht die Arbeit bei Hive besonders aufregend? 

Ein super Team, gutes Momentum, riesiger und wachsender Markt, und vor allem: der klar sichtbare Impact auf unsere Kunden. Den Gründerinnen und Gründern und Mitarbeitenden kleiner Unternehmen Komplexität und Kopfschmerzen abzunehmen, ist für mich persönlich und uns als Firma ein großer Antrieb. 

Woher kam die Idee zu Hive? 

Wir hatten Freunde, die E-Commerce Unternehmen gegründet haben und große Schwierigkeiten mit traditionellen Logistikanbietern hatten, da deren Prozesse und Software nicht auf die Bedürfnisse moderner Direct-To-Consumer-Unternehmen zugeschnitten sind. Aus weiteren Gesprächen mit Branchenexperten und potenziellen Kunden zeichnete sich dann schnell ab, dass generell große Unzufriedenheit mit existierenden Anbietern herrschte und dass man viele der Probleme mit besserer Software (und durch von der Software ermöglichte flexiblere Prozesse) lösen könnte. 

2020 wart ihr eins der sieben Teams bei Herausforderung Unternehmertum. Wie seid ihr auf das Programm aufmerksam geworden und warum habt ihr euch beworben? 

Franz und ich waren Stipendiaten im Studienförderwerk der sdw und haben dort davon gehört. Wir haben uns beworben, um Teile der Ideenfindung und Validierung zu finanzieren – beispielsweise  Reisekosten –  und um den Austausch mit den anderen Teams und den Coaches zu suchen. 

Wie lief die Förderung ab und welche prägenden Erfahrungen konntet ihr aus dieser Zeit mitnehmen? 

Highlights waren für uns auf jeden Fall der Austausch mit anderen Teams, der Medien-Workshop (bei dem es unter anderem um Krisenkommunikation ging), und der Teambuilding-Workshop mit Persönlichkeitstests. Außerdem waren die Diskussionen mit unseren Coaches sehr spannend - z.B. als wir mit dem Gründer einer SaaS Firma und ehemaligem Goldman Sachs VP sprachen, der von seinen Erfahrungen beim Aufbau einer SaaS Firma erzählte und mit uns unter anderem über Marktgrösse, Positionierung und mögliche Risiken für eine unserer Ideen diskutierte. Eine weitere einprägsame Erfahrung war unser eigener Validierungsprozess, als wir uns in den frühen Phasen der Förderung einmal Handwerkersoftware als möglichen Markt anschauten. Zur Ideen-Validierung riefen wir Dutzende Handwerksbetriebe an und befragten sie zur Nutzung ihrer Software. Dabei waren die Reaktionen zu 80 % brummig-abweisend und zu 20 % dankbar, dass ihnen endlich jemand zuhörte, während sie von ihrem erheblichen Frust aufgrund verschiedenster Software-Probleme berichteten.

Wie ging es nach der Förderung bei Herausforderung Unternehmertum weiter? 

Wir haben ein Pre-Seed-Investment von Picus Capital, einem Venture Capital Fund aus München, aufgenommen und damit die ersten Teammitglieder eingestellt.  Ende Mai fingen wir an, Vollzeit an der Eröffnung unseres ersten Lagerhauses, unseren Software-Anbindungen und an der Kundenakquise zu arbeiten, was dazu führte, dass wir Mitte Juli 2020 unser erstes Paket verschicken konnten. Danach haben wir unsere Teams weiter ausgebaut (Growth, Operations und Tech/Produkt), die Prozesse und Software im Lagerhaus verbessert und weitere Software-Dienste wie das Fracht-Portal und das Endkunden-Portal sowie Anbindungen an neue Shop-Plattformen entwickelt. Diese Verbesserungen haben uns erlaubt schnell zu wachsen und dadurch auch zum erfolgreichen Fundraising beigetragen: Im November 2021 schlossen wir unsere Series A ab.

Ihr schreibt Erfolgsgeschichte (Stichwort Investments). Welche Ziele verfolgt ihr in Zukunft mit Hive? 

Wir wollen im kommenden Jahr in ganz Europa expandieren, um jedes europäische Land schnell und günstig beliefern zu können. Außerdem wollen wir unsere Operations im Lagerhaus noch effizienter und skalierbarer gestalten und unsere Software-Angebote wie das Endkunden- und das Fracht-Portal weiter ausbauen. 

Ihr seid jetzt auch in Frankreich tätig. Welche Rolle spielt die Wahl der Standorte?

Die internationale Expansion ist sowohl wichtig um neue Kunden anzusprechen, als auch um unseren Bestandskunden neue Märkte zu eröffnen. Dadurch, dass wir jetzt in Frankreich einen Standort haben und dort Produkte lagern, können unsere deutschen Kunden durch schnellere Lieferzeiten und geringere Lieferkosten im französischen Markt viel wettbewerbsfähiger sein. 

Habt ihr Tipps für Gründungsinteressierte? 

Sich für eine Idee zu entscheiden, ist einer der psychologisch und emotional schwierigsten Teile des Gründungsprozesses. Man kann deshalb leicht in Versuchung geraten, der Ideation/Validation Phase frühzeitig zu entkommen, indem man sich voreilig auf eine Idee stürzt, die man noch nicht gründlich validiert hat. Oder alternativ, indem man nach den ersten zwei oder drei verworfenen Ideen schlichtweg aufgibt. Dieser Versuchung sollte man widerstehen. Man muss bereit sein, immer wieder die eigenen Ideen zu hinterfragen (hierzu gibt es auch gute Bücher, z. B. “The Mom Test” von Rob Fitzpatrick), und diese wenn nötig zu verwerfen und erneut mit der Ideation anzufangen.  Außerdem kann man viel gewinnen, indem man von den Erfolgen und Fehlschritten anderer Gründungen lernt. Das geht einerseits durch Gespräche mit anderen Gründerinnen und Gründern, die einem selbst ein paar Schritte voraus sind, und andererseits indem man bei einem schnell wachsenden Startup arbeitet. So kann man Netzwerk und Erfahrung aufbauen und eine Intuition dafür entwickeln, wie gute Performance in einem solchen Umfeld aussieht. Wer daran interessiert ist, wird bei Hive viele andere unternehmerisch denkende Leute finden von und mit denen er/sie lernen kann.

 

Vielen Dank und alles Gute!


Foto: Hive